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gmp Musitektur # 101 

Die Sinfonie der Großstadt. Walther Ruttmann, 1927 

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Die Sinfonie der Großstadt. Walther Ruttmann, 1927
mit Carsten-Stephan Graf von Bothmer

Termin

Dienstag, 16. Februar 2016,
19.30 Uhr

Veranstaltungsort

gmp Berlin
Hardenbergstraße 4-5

Um Anmeldung per Telefon oder E-Mail
wird bis zum 9. April 2016 gebeten
030.617 855 [email protected]


Ein Film ganz Musik und Rhythmus, mechanisch und von minutiöser Präzision in seiner Machart. Abseits von allen Konventionen des Spielfilms der 1920er Jahre ist „Berlin. Die Sinfonie einer Großstadt“ von Walter Ruttmann ist zugleich Experiment, Vision und Dokumentation. Als sogenannter Querschnittsfilm dokumentiert er detailgetreu einen Tagesablauf im Berlin der 1920er Jahre. Zu sehen sind fast nur ungestellte Außenaufnahmen: Die Kamera sieht die Brötchen auf einem Backblech in einer Bäckerei hüpfen, zeigt die Füße der Arbeiter, die zur Arbeit schreiten, Soldaten und Rinderherden. Sie verliert sich im Verkehr am Potsdamer Platz, steht inmitten einer Kundgebung. Am Abend schließlich halten die Maschinen in den Fabriken an, und die Stadt wechselt ihre Kleider: Leuchtreklamen erhellen die Einkaufsstraßen und werfen Licht auf Revuen, Theater, Kneipen und auf das abendliche Glücksspiel.Die Stadt erscheint als ein Arrangement im Rhythmus der Maschinen, eine Summe merkwürdiger Details und verschobener Perspektiven, dargestellt im Kontrast aus langsamen Einstellungen und Zeitrafferaufnahmen.

Der zeitgenössischen Kritik urteilte ambivalent. Es wurde angemerkt, dass der Film sich an Formen berausche und nur die Oberfläche zeige. Siegfried Kracauer etwa schrieb enttäuscht in der „Frankfurter Zeitung“: „Während etwa in den großen russischen Filmen Säulen, Häuser, Plätze in ihrer menschlichen Bedeutung unerhört scharf klargestellt werden, reihen sich hier Fetzen aneinander, von denen keiner errät, warum sie eigentlich vorhanden sind. Ist das Berlin? Nein, das ist ein schauderhafter Abdruck, von einer gewissen Geistigkeit produziert, die mehr als peinlich ist.“ Begeistert hingegen zeigte sich Rudolf Kurtz in der „Lichtbild-Bühne“: „Das ist die Großstadt, wie sie ein Künstler erfühlt, eine Gestaltung aus Eisen, Blut und Licht – erfüllt von dem mächtigen Brausen des Lebens, das von diesem Film in das Parkett überspringt und es überwältigt.“In jedem Fall zeichnete Ruttmann ein poetisches Zeitdokument, er komponierte „optische Musik“, wie der Filmkritiker Béla Balázs urteilte.

Carsten-Stephan Graf von Bothmer gehört zu den renommiertesten Stummfilmmusikern in Deutschland. Er studierte Klavier u.a. bei den Prof. Robert Henry, Prof. Sorin Enerchescu, Prof. Rolf Koenen und Prof. Sava in Berlin und Hamburg. Sein Examen im Fach Klavier legte er an der Hochschule der Künste Berlin ab. Daneben studierte er an der Jazz und Rockschule Freiburg und spielte in zahlreichen Bands. Intensive Studien außereuropäischer Musik, insbesondere afrikanischer und asiatischer Musik, experimenteller und Neuer Musik folgten. Er füllt Konzertsäle auf fünf Kontinenten mit seinen spektakulären Stummfilm-Konzerten. Bisher hat er über 600 Stummfilme vor über 110.000 Gästen vertont. Bothmers Repertoire reicht von den Klassikern des deutschen, russischen und amerikanischen Stummfilmkinos bis hin zu unbekannten Werken, die er wieder entdeckt und zu neuem Leben erweckt hat. Vom monumentalen Science-Fiction-Spektakel zum schwermütigen Melodrama, über düstere Thriller bis hin zur sommerlich beschwingten Komödie. Seine Stummfilm-Konzerte sind die erfolgreichsten Aufführungen ihrer Art in Deutschland.